Wenn die Ex Besetzung auch nach dem Ausstieg nicht gehen darf
Manchmal kommen einem manche Erkenntnisse über menschliche Abgründe genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Bei mir neulich: beim Gurkenschnibbeln meiner frisch geernteten Gurken aus dem Garten in der Soundküche. Während das Messer gleichmäßig auf das Brett klopft, wandern die Gedanken – und landen irgendwo zwischen Proberaum-Muff, Beziehungsdynamiken und der Frage, warum manche Trennungen einfach kein Verfallsdatum haben wollen.
Man trennt sich, wünscht sich gegenseitig eine erfolgreiche Zukunft, behält die gemeinsamen Erinnerungen und geht erwachsen seiner Wege.
Soviel zur Theorie!
In freien Wildbahnen – aka im Proberaum – sieht die Praxis eher nach gepflegtem Kindergarten-Drama aus: Kaum ist der Ausstieg verkündet, startet die große historische Aufarbeitung. Die neue Besetzung wird gefeiert wie das Rad 2.0, während die Fähigkeiten der Exbesetzung rückwirkend neu bewertet werden.
Spoiler: Sie lag irgendwo zwischen „stets bemüht“ und „kann eigentlich gar nichts“.
Wer das ein paar Mal miterlebt hat, erkennt ein klares Muster. Und man fragt sich unwillkürlich: Warum ist das eigentlich immer dasselbe Skript?
Feierabend-Jam vs. Weltherrschaft
Der Klassiker fängt meistens harmlos an. Es gibt Bands, die treffen sich schlicht zum gemeinsamen Kaltgetränk-Vernichten und Musikmachen. Völlig legitim. Und es gibt Bands, die wollen auf die großen Bühnen.
Schwierig wird es, wenn es unterschiedliche Vorstellungen für die Vorbereitung gibt: Der eine sagt: „Ich kenne den Song“, der zweite sagt: „Ich hab ihn im Auto gehört“ und der dritte fragt beim nächsten Treffen: „Ach, den spielen wir schon nächste Woche?“ Solange der Auftritt weit weg ist, kann man darüber noch lächeln. Irgendwann ist der Auftritt allerdings nicht mehr weit weg. Dann wird aus „Das machen wir noch“ ein „Das hätten wir eigentlich schon machen müssen“, aus dem großzügigen Zeitfenster ein ziemlich kleines und aus dem kleinen Zeitfenster schließlich Stress.
Wenn also Vorstellungen an Verbindlichkeit und Vorbereitung aufeinanderprallen, passiert Folgendes: Aus Verzögerungen wird Zeitdruck. Aus Zeitdruck wird Stress. Und aus Stress werden spontane Trennungen mit leicht erhöhtem Puls.
Das Drama um den „richtigen“ Bandausstieg
Genauso faszinierend wie das Danach ist nämlich das Wie. In Proberaum-Kreisen gibt es dafür einen ungeschriebenen Ehrenkodex: Ein Ausstieg hat gefälligst persönlich und mündlich zu erfolgen. Am besten im Kreis der versammelten Mannschaft, bei Kerzenschein und betretenem Schweigen.
Wehe aber, man erdreistet sich, vorab eine schriftliche Ankündigung per WhatsApp zu schicken – einfach, um Fakten zu schaffen und die eigene Entscheidung geordnet mitzuteilen. Ein unfassbarer Fauxpas!
Warum? Ganz einfach: Eine WhatsApp nimmt den Verbleibenden das wertvollste Instrument der Trennungskultur: die spontane Gruppen-Therapiestunde vor Ort, in der man die ausscheidende Person noch einmal gepflegt kleinquatschen, ihre Gründe zerpflücken und ihr feierlich erklären kann, warum sie eigentlich das Problem ist. Wer schriftlich vorwarnt, raubt der Runde das emotionale Großereignis. Spielverderber!
Die „Diva“, die einfach nur Grenzen gezogen hat
Neben der plötzlichen spontanensich auftretenden musikalischen Inkompetenz gibt es noch einen weiteren Klassiker der Nachbearbeitung: Die Bewertung der Persönlichkeit des Ex-Mitgliedes.
Kaum ist man raus, bekommt man rückwirkend das Prädikat „menschlich einfach schwierig“ aufgedrückt. Alternativ auch gern: „Diva, die sowieso nie reingepasst hat.“
Übersetzt aus dem Proberaum-Deutsch bedeutet „menschlich schwierig“ im Nachhinein meistens nur: Jemand hat es gewagt, die eigenen Grenzen und die persönliche Belastbarkeit klar zu kommunizieren. Wer nicht zu jeder spontanen Fünf-Stunden-Probe ohne Plan Ja und Amen sagt, mutiert in der Nachbetrachtung halt blitzschnell von der Mitmusikerin zur anstrengenden Diva. Ist natürlich auch viel bequemer, als sich mit den eigenen Abläufen auseinanderzusetzen.
Das Mysterium der öffentlichen Neubewertung
Eigentlich könnte man nach einem Wechsel einfach sagen: „Hey, hier ist unsere Neue, wir freuen uns!“
Aber nein. Viel unterhaltsamer ist die Variante: „Die Neue ist fantastisch – und die Alte war ja eigentlich schon immer viel zu schlecht und nur eine Notbesetzung.“
Das Faszinierende daran: Wenn die neue Besetzung doch so sensationell ist, warum braucht sie dann überhaupt die Ex als Maßstab? Das ist wie bei einer frischen Beziehung, in der der neue Partner dauernd hören muss, wie schrecklich die/der Ex war.
Noch schöner wird es, wenn die Arbeit der „unzureichenden“ Vorgängerin trotzdem auf der Website bleibt. CDs, Videos, Soundfiles – alles läuft weiter. So ganz schlecht war der Sound dann wohl doch nicht für den eigenen Social-Media-Auftritt.
Ego-Rettung im Rückwärtsgang
Warum macht man das? Ganz einfach: Ein Bandausstieg fühlt sich für die Verbleibenden oft wie eine persönliche Zurückweisung an. Und wie rettet der Mensch sein Ego, wenn er verlassen wird? Er schreibt das Drehbuch um.
Aus: „ Die Zusammenarbeit hat nicht mehr gepasst“
wird im Kopf blitzschnell: „Wir haben uns endlich von dem Problem getrennt!“
Zack, Fabelkorrektur gelungen. Man ist wieder der Held der eigenen Geschichte.
Kurz aus Chrissys Giftschrank in der Soundküche
Mein persönliches Highlight aus dieser Kategorie war der Satz:
„Wir spielen jetzt mit der Neuen, ihr könnt also nach Herzenslust vergleichen!“
Herrlich. Die Ex steht längst nicht mehr auf der Bühne, wird aber virtuell noch mal ins Scheinwerferlicht gezerrt, damit das Publikum Noten verteilen darf.
Besondere Kuriose-Pointe am Rande: Die Neue unterlegte ihre Fotos auf Social Media frohmutig weiter mit der Stimme ihrer Vorgängerin. Die Neue als Upgrade verkaufen, aber den Sound der Ex nutzen, darauf muss man erst mal kommen.
Inzwischen steht dort übrigens eine ehemalige Schülerin von mir, die ich selbst ausgebildet habe. Manchmal schreibt das Leben die besten Pointen, man muss nur etwas abwarten können. :-)
Am Ende hört das Publikum sowieso hin
Man kann fabulieren, wie man will – die Zuhörer da draußen haben Ohren. Die einen finden die Neue super, die anderen vermissen die Alte, und der Rest fragt sich, wo es Bier gibt. Eigentlich könnte man sich den ganzen Tanz mit der nachträglichen Abwertung auch sparen. Ist eh nicht gut für den Blutdruck. Erfordert aber eine gewisse Souveränität, die nicht allen gegeben ist.
Das Ganze ist übrigens kein reines Hobbyband-Phänomen. Frag mal bei Arch Enemy oder Nightwish nach. Die Größenordnung ändert sich, die Beziehungsdynamik bleibt exakt die gleiche.
Fazit zum Selber-Ausprobieren
Vielleicht hilft vor dem nächsten Projekt einfach ein kurzer Realitäts-Check:
Wollen wir Bier trinken oder Touren planen? Wer macht die Arbeit und wer trifft die Entscheidungen? Müssen wir uns wirklich lieb haben, oder reicht es, wenn der Akkord sitzt?
Und wenn die alte Besetzung schon gegangen ist, wäre es vielleicht tatsächlich eine charmante Idee, sie einfach gehen zu lassen. Die neue Besetzung darf dann ganz ungestört die neue Besetzung sein.
Und die Ex? Die kann derweil etwas sehr Ungewöhnliches tun: Sie kann einfach woanders weitermachen.
Manchmal tut weniger Band-Nostalgie und mehr Projekt-Pragmatismus extrem gut. Denn eigentlich stehen wir doch im Proberaum, weil wir Musik machen wollen – und nicht, um uns an der Vergangenheit abzuarbeiten ;-)
Adresse
Chrissy (Christine) Krüger
Kleine Wiese 5
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