Frisch serviert aus Chrissys Stimmküche: #2: Atem - Treibstoff für unseren Körper
Ein Blick in Chrissys Stimmküche: Von Einsichten im Studium bis zur Verwirrung des Hausmeisters in Bezug auf die sanitäre Installation – Gedanken und Momentaufnahmen aus dem Alltag mit Stimme und Atmung.


Von Regeneration bis Hochleistung: Was Atmung wirklich kann
„Sie atmen komplett falsch herum.“
Im zweiten Studienjahr habe ich den Lehrer gewechselt.
Er ließ mich singen, hörte zu, und dann kam dieser eine Satz:
„Sie atmen komplett falsch herum.“
Ich so: Bitte was, wie, wo, wieso, warum? Aaaaaah!
Turns out: Ich hatte mir, wie viele andere auch, genau das Gegenteil angewöhnt von dem, was eigentlich hilfreich ist.
Beim Einatmen Bauch eingezogen, mit den Schultern schon fast die Ohren zugehalten. (Spoiler: Da gehören sie NICHT hin)
Beim Ausatmen den Bauch rausgedrückt – als würde ich innerlich Platz schaffen müssen, indem ich mich gleichzeitig festhalte: Übrigens ein ziemlich effizientes System, wenn das Ziel ist, sich selbst auszubremsen.
Das Interessante: Ich habe das jahrelang so gemacht. Niemand hat es korrigiert.
Bis dieser eine Satz fiel.
Es fühlte sich an wie alles einmal im Rückwärtsgang. Alles, was vorher normal war, war plötzlich genau falsch herum.
Und das Umstellen? Ja, ging. Aber nicht so richtig elegant.
Mein inneres Navigationssystem war erst mal komplett durcheinander, körperlich wie mental. Nichts fühlte sich mehr richtig an, obwohl es objektiv besser wurde.
Seitdem bin ich sehr vorsichtig mit Sätzen wie:
„Atme einfach tief ein.“
Wenn Du also tief einatmest und Du merkst, dass Du Dir fast mit den Schultern die Ohren zuhalten kannst und der Bauch dabei hineingezogen wird und damit auch Deinen Burstkorb nach oben gedrückt wird....solltest Du Dich mal flach auf die Couch legen und schauen, was da wie genau passiert. Denn in der Regel funktioniert die Atmung im Liegen automatisch richtig:
Regenerationsatmung – wenn der Körper runterfahren darf:
Es gibt Momente, da braucht der Körper genau eins: Ruhe.
Hier wird die Atmung langsamer, tiefer, oft mit Fokus auf die verlängerte Ausatmung. Der Körper bzw. das Nervensystem bekommt das Signal: Alles gut, kein Alarm.
- ruhige Bauchatmung (Der Bauch bewegt sich beim Ausatmen leicht und ohne Druck nach innen und bei der Einatmung wölbt sich der Bauch wie von allein leicht nach außen)
-verlängerte Ausatmung ( Aktivierung und Stimulation des Vagusnervs)
Das wirkt direkt. Spannung lässt nach, die Stimme wird lockerer, der Kopf wird klarer.
Fun Fact: Die verlängerte Ausatmung aktiviert den Vagusnerv, der im Körper für Entspannung zuständig ist. Herzschlag, Blutdruck und Stresslevel werden heruntergefahren – quasi ein interner „Reset-Knopf“. Kein Wunder, dass sich die Stimme sofort freier und stabiler anfühlt.
Ich praktiziere die Regenerationsatmung sehr bewusst in Situationen, die mich in Aufregung versetzten, gerade vor dem Singen ist das Gold wert, vor allem wenn Nervosität im Spiel ist.
Und ja, ich bin immer noch nervös, bevor ich eine Bühne betrete.
Alltagsatmung – die unterschätzte Basis:
Die meisten atmen nicht bewusst nicht ganz optimal, sie haben es sich einfach irgendwie angewöhnt.
Zu flach, zu hoch im Brustbereich oder mit unnötiger Spannung.
Und weil es normal geworden ist, hinterfragt man es nicht, bis man merkt, dass die Stimme schneller müde wird, die Kontrolle fehlt oder Druck entsteht, obwohl man eigentlich locker sein will.
Die Alltagsatmung ist das Fundament. Wenn die nicht passt, wird alles andere komplizierter.
Funktionsatmung – wenn Atmung zum Werkzeug wird:
Sobald Stimme ins Spiel kommt, reicht Gewohnheit manchmal nicht mehr.
Dann geht es darum, Luft gezielt einzusetzen. Wie viel brauche ich wirklich, wie halte ich den Ton stabil, wo entsteht Spannung und wo nicht.
Hier kippen viele ins Mehr hilft mehr. Mehr Luft, mehr Druck, mehr Einsatz.
Und genau das macht es oft schwerer. Die eigentliche Kunst ist nicht, mehr zu tun. Sondern das Richtige zur richtigen Zeit.
Und manchmal sieht das von außen erklärungsbedürftig aus.
Ich stehe in der Hochschule im Vorraum vorm Vorsingen, äußerlich komplett unauffällig.
Ich lasse die Luft auf sssssssss strömen, fast nicht hörbar, minimaler Luftstrom, perfekte Stütze.
Da kommt der Hausmeister.
Bleibt stehen.
Geht zum Wasserhahn, legt sein Ohr dran, horcht.
Dann runter zum Syphon, horcht da.
Ich halte, hochkonzentriert, sssssssss.
Er zuckt die Schultern und geht.
Ich immer noch sssssssss, aus lauter Garstigkeit. Ich lief langsam blau an.
Er vermutlich auf der Suche nach einem Druckabfall im sanitären System.
Stütze offiziell mit der Hausinstallation verwechselt.
Lustig fand ich es erst später, nach dem Vorsingen.
Hochleistungsatmung – wenn Energie gefragt ist:
Dann gibt es die Momente, in denen es nicht um Entspannung geht, sondern um Präsenz.
Die Atmung wird aktiver, schneller, direkter, mit mehr Körperspannung verbunden.
Das ist gewollt, das darf so sein, aber eben gezielt. Wer versucht dauerhaft so zu atmen, kämpft irgendwann gegen die eigene Spannung an.
Atmung ist kein Schalter, sondern ein Regler:
Es gibt nicht die eine richtige Atmung.
Es gibt passende Atmung.
Mal runterfahren, mal stabilisieren, mal fokussieren, mal volle Energie.
Die eigentliche Fähigkeit ist, zwischen diesen Zuständen wechseln zu können.
Was das mit deiner Stimme zu tun hat:
Die Stimme folgt der Atmung.
Wenn die Atmung blockiert wird, wird die Stimme eng.
Wenn sie unruhig ist, wird die Stimme instabil.
Wenn sie passt, wird die Stimme frei.
Viele Probleme sitzen nicht in der Stimme selbst, sondern in dem, was davor passiert.
Fazit / Zum Selber-Ausprobieren:
Atmung passiert bei allen, nur nicht gleich.
Manchmal ist sie zu schnell, manchmal zu flach, manchmal rückwärts, und das merkt man oft erst, wenn jemand einen Satz wie „Sie atmen komplett falsch herum“ sagt.
Mein Tipp: Beobachte, wie du atmest, fühle, was passiert, wenn du ein bisschen variierst, mehr in den Bauch atmen, vielleicht mal mehr in die Rippen, oder geh mal in die Rumpfbeuge und fühle was Deine Flanken machen. Auf jeden Fall soll sich alles gut anfühlen. Und vielleicht hilft es Dir ein wenig in angespannten Situationen. Und wenn Du Dich mal total ärgerst und die Atmung flach wird: Erst mal innerlich bis drei zählen.... ;-)
Vielleicht merkst du, dass du sowieso ganz normale richtige Atmung praktizierst, oder dass du, wie ich damals, ein kleines Abenteuer mit Deiner Atmung erlebst.
Adresse
Chrissy (Christine) Krüger
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